Nobody is perfect

08/16/07 12:04 PM von Kitty Koma

Als ich HeMan zum ersten Mal besuchte, fiel mir seine extrem aufgeräumte Wohnung auf. So ein bißchen wie in Schöner Wohnen – sparsam verteilte, stylische Möbel, ein paar wunderschöne Nippes und das eine oder andere Buch.
Mittlerweile kenne ich ihn auch während Chaoseinbrüchen, wo sich plötzlich die ganze Wohnung mit Ramsch bedeckt: zerfledderte Zeitungen, Klamotten, volle Aschenbecher, benutzte Kaffeetassen, Einlegesohlen von Sportschuhen (vorzugsweise auf dem Küchentisch).
Eine ganze Zeit lang fragte ich mich, wo er in so einer Wohnung, die kaum Stauraum und Schränke hat, Sachen unterbringt, die grade nicht benutzt werden und kompliziert aufzuräumen sind oder aber lange nicht mehr benutzt und doch nicht weggeworfen werden. Ganz zu schweigen von erinnerungsbeladenem Kleinkram.
Und nach ein paar Monaten, als ich anfing, mich ungezwungen zu bewegen, sah ich Ecken. Hinter Türen und Sofas verbargen sich Liegestuhlüberzüge, Kamerastative, Petroleumlampen, alte Laptops oder schlicht und ergreifend getragene Socken, die, wenn Besuch kommt, dahinter fliegen.
Das ist auch eine Variante. Ich dagegen habe Sedimentschichten auf meinem Schreibtisch. Wenn ich etwas suche, dann weiß ich so ungefähr, wie alt die Ablagerung ist und wie tief ich deshalb greifen muß. Ablage ist die Hölle. Habe ich etwas eingeheftet, vergesse ich die Logik des Vorgangs (Feuersozeität? Unter F wie der Name unter V wie Versicherung oder unter H wie Hausratversicherung?) und suche mich tot. Meine Stapel gehe ich alle drei Monate durch, entsorge, was sich von allein erledigt hat oder nicht mehr aktuell ist und dann ist Platz.

Gestern abend steht in HeMans Küche ein einzelner Schuh, rechtwinklig zum Spülschrank, die Socke ist sorgfältig reingestopft. Ich erinnere mich, daß er die Schuhe vor drei Tagen getragen hat. Der zweite steht sechs Meter entfernt im Schlafzimmer. Rechtwinklig zum stummen Diener. Und so werden beide wohl heute abend noch stehen…

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mghmanney!

08/14/07 05:34 PM von Kitty Koma

Ich habe von anderthalb Gläsern des untengenannten Gesöffs einen barbarischen Kater bekommen.
Und überhaupt finde ich es garnicht so Klasse, was sich bei mir momentan so mit Alkohol abspielt. Also nicht, daß ich abends eine Flasche kippen muß, sonst fehlt mir was.
Aber ich habe so Tage, da setze ich mir in den Kopf, was bestimmtes trinken zu wollen, meist harte Sachen, ich mag Schnaps. In Barcelona war es der spanische Brandy. Gestern wollte ich unbedingt noch vom Gorgonzola in den Würgeengel wechseln und was Rotes trinken. Und wenn ich einmal dabei bin, trinke ich von solchen Killercocktails auch noch einen zweiten und bin hackebreit, habe Wortausfälle, aber trotzdem die große Klappe. Also Kontrollverlust. Nix für Mutters Tochter.
Ich muß mir ein Verhaltensmuster erarbeiten, damit mir sowas nicht passiert (auch wenn es nur drei- oder viermal im Jahr ist), denn ich finde das extrem blöd und peinlich dazu.

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Negroni

08/14/07 10:16 AM von Kitty Koma

(Campari, Noilly Prat, Gin) ist ab sofort von der Liste trinkbarer Cocktails gestrichen.

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Roll over Beethoven

08/12/07 12:02 PM von Kitty Koma

Vorab: Ich verstehe nichts von Musik. Nicht mehr als das, was der Musikunterricht vermittelte (Sonatenhauptsatz, hä?) und das, was zur Geburt einer erträglichen Singstimme an Notenkenntnissen nötig war.
Ähnlich wie bei Architekur und Malerei kann ich Epochen einsortieren.
Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert, mit ein paar bemerkenswert schrägen Tönen? Schostakowitsch von 1954.
Wagnerhaftes Sirren, Klang- und Vibrationswolken, melodielos? Chausson, Ende 19. Jahrhundert. (Bei Mozart und Bach versage ich regelmäßig, die sind zu zeitlos und genial.)
Meine mentalen Speichern lagert das, was sich bei meinen Eltern täglich auf dem Plattenteller drehte oder (entsetzlich angezogen und aufgeregt) in Konzerten gehört wurde.
Seit einer Woche pilgere ich mit HeMan ins Konzerthaus. In einem Anfall von Wir müssen dringend mal wieder Musik hören hatten wir schon vor Monaten eine Schlange Eintrittskarten für die Young Euro Classics gekauft. Was wir hörten, war jenseits von Europa. Oman. – Lauter winzig kleine Frauen, rot und grün verschleiert, dazu schwärzliche Beduinen im Frack. Gespielt haben sie mit Schmackes. Die zeitgenössischen Kompositionen waren sehr hörbar (wann ist das moderne Klassik noch?), klangen nach Hollywoodfilm und werden den König, vor dem das Orchester sonst spielt, sicher trefflich unterhalten.
Australien. Eine Bratsche mit Irokesenschnitt, zahlreiche schlacksige irischstämmige Jünglinge mit roten Locken, zartsüße Mädchen mit eisenhartem Griff um den Hals ihrer Geige. Vor allem sahen sie sich untereinander immer wieder grinsend an. Denn nach dem Konzert wird es richtig Party gegeben haben. Weshalb sie Bartoks Konzert für Orchester auch nur noch brav erledigten (ist aber auch ein riesiger 5-sätziger Klops).
Shanghai.
Das sind sicherlich alles aufgezogene Musikmaschinen, die von europäischer Musik nichts verstehen. orakelte ich herum.
Wir saßen im ersten Rang und ich war eigentlich müde und hungrig und verdrehte so ein bißchen die Augen. Sibelius. Violinkonzert. Ein junger Solist. Ok., macht mal. Und dann bekam ich ganz spitze Ohren. Da steht vorn ein Typ mit einer Geige, hat ein Gesicht überm Frack wie ein Manga-Held, Haare im Gesicht bis zur Oberlippe. Und was er spielt, ist perfekt. Manchmal ein bißchen süßlich, zu sehr auf Wohlklang getrimmt. Ich kenne nur alte Aufnahmen, wahrscheinlich Oistrach, da hört man den Bogen krachen, da wurde viel auf Rauheit und Kanten Wert gelegt.
Aber da unten passiert etwas zwischen Orchester, Dirigent und Solist, das ich selten so gesehen und gehört habe. Es prallten keine künstlerischen Egos aufeinander und zerreiben sich an einem ohnehin nur seinen Stiefel spielenden Orchester. Da kam niemand in die Leithammelposition oder gab die Rampensau.
Da unten agierte ein großer, verschmolzener Klangkörper, der Zeit hatte, Töne kommen zu lassen (und doch in einem irren Tempo spielte, das war das schnellste Konzert der Woche). Teile der Tonmassen traten zurück, ließen anderen den Vortritt, stützen höchstens noch. Respekt. Und nicht Piano, nein Pianissimo. Töne kommen lassen, aus einem Rauschen, Wispern, Schwirren. Schwebende Einsätze.
Nach der Pause Ludwig van. Die Fünfte. Deutscher geht es nicht. Eines meiner Lieblingshaßobjekte neben Faust. Anschnallen zum Rundflug über dem emotionalen Bombast eines Volkes, das keine Emotionen zeigen kann.
Der Dirigent nimmt beiläufig den Taktstock, ist noch nicht mal richtig auf dem Pult und schon kommen die berühmten vier Töne, die drei Achtel G, das Es. Wir sind schon mittendrin. Das kann nicht sein. Ich hab doch nur an der Ampel gestanden und auf Grün gewartet und dann streift mich ein Bus, nein er schleift mich mit.
Ich sitze da und mir laufen Sturzbäche die Wangen herunter. Ich wußte nicht, daß ich jeden Ton dieser Sinfonie kenne.
Mein Vater hat sie bestimmt dreimal in der Woche gehört. In der Zeit, als er seine Doktorarbeit in Kernphysik schrieb. Aber das ist lange her. Seitdem habe ich die Fünfte bestimmt hundertmal gehört. Abgehakt unter Bildung, der kulturellen Zitatsammlung, wie so manche Stelle aus dem Faust. Und wie damals, als ich genervt noch einmal am Nachmittag in Steins Mammut-Faust ging (zwischendurch war ich in der Badewanne und habe geschlafen, ich konnte es einfach nicht ertragen), um den Schlußmonolog zu sehen. Und auch hier kannte ich jede Zeile. Und habe verstanden. Aufbruch. Traumverwirklichung. Zukunftsgesellschaft. Alles Quatsch. Da sitzt ein dementer, blinder Alter und glaubt, daß das Grabschaufeln für ihn die Arbeit an seinem letzten großen Entwurf ist.
Zurück ins Konzerthaus. Ich habe nicht an meine Kindheit gedacht. Ich habe überhaupt nicht mehr gedacht Meine Seele hatte ihr Tor sperrangelweit göffnet und hörte Musik. Und der Rest von mir war im Ausnahmezustand. Öffentlich losheulen ist schließlich genauso peinlich, wie öffentlich einen Orgasmus zu erleben. Ich bekam besorgte Blicke von links und rechts. HeMan tätschelte mir immer mal beruhigend die Hand und ich dachte immer nur: laßt mich doch einfach in Ruhe

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Bloody Monday

08/06/07 06:12 PM von Kitty Koma

Im Dienstleistungssektor tätige Menschen können dank des Umstands, daß man sie am Telefon nicht sieht, ihren Gesprächspartnern weitestgehend Kompetenz, Aufgewecktheit und Interesse suggerieren.
Daß man mitunter gelangweilt in der Nase bohrt oder den verzweifelten Scheiße, worum gehts eigentlich, sollte ich darüber Bescheid wissen? -Gesichtsausdruck hat, sieht ja niemand. Wichtig ist die telefonische Präsenz, das sofortige Reagieren und die konstante Sprachmaske. Der Einbruch privater Befindlichkeit ist eher störend.

Am Freitag nachmittag übersehe ich eine Mailboxnachricht. Mein Kunde B., ein begnadeter Zyniker, wünscht mir eine nette Zeit im Strandbad. Ups. Ich hatte mich tatsächlich eine Stunde eher davongestohlen, Freitag am späten Nachmittag ist meistens Totentanz in meiner kleinen Klitsche. Dann komme ich mit einer Rufumleitung gut zurecht.
Ich rufe ihn heute vormittag gleich als ersten an. Wir sprechen noch ein wenig über Bandscheibenprobleme und ihre Behebung.
Ich habe mich für das Gespräch extrem zusammengerissen, sitze bei HeMan auf der Bettkante, denn eigentlich bin ich scheintot und kaum artikulationsfähig. Meine Beifußallergie ist so schlimm, daß ich mittlerweile Antihistaminika nehme, von denen ich todmüde und langsam werde. Nach dem Aufstehen brauche ich mehrere Stunden, bis ich wieder einigermaßen aktionsfähig bin. Doch ich muß heute funktionieren. Das Telefon klingelt ständig. Außerdem bekommt das Kind den zweiten Schwung Weisheitszähne herausoperiert. Ich habe ihr versprochen, sie zum Zahnarzt zu fahren und dann mit zu mir zu nehmen, um sie mit Kühlkompressen, Süppchen und Puddings wieder aufzupäppeln. Als ich bei HeMan losfahre, programmiere ich mich innerlich: Du baust jetzt keinen Unfall, du hältst genug Abstand und bremst rechtzeitig, wenn Rot ist, denn ich habe das Reaktionsvermögen eines Dreizehenfaultiers.
Das Kind steigt ins Auto, sieht mich an und fragt mich nur: Kannst du überhaupt fahren? Die Dosis des Allergiemedikaments reicht scheinbar nicht. Mir hängen die Tränensäcke unter dem Kinn, das Wasser rinnt mir aus den Augen und ich atme ein Niesen nach dem anderen weg, denn würde mir das in die Bandscheibe fahren, käme ich nicht mehr hoch. Ich sage ihr, daß das Antiallergikum, das sie auch immer mal nimmt, in der halben Dosis nicht mehr reicht.
Na prima , meint sie, als ich mit dem Wagen um eine Ecke schleife, hast du mal den Beipackzettel gelesen? Du darfst damit garnicht Auto fahren.
Ich reiße mich wieder kolossal zusammen, stecke mir mental gesehen halbe Steichhölzer zwischen die Augenlider und sage ihr: Ach, so schlimm ist das garnicht. Sie sieht mich skeptisch von der Seite her an, mit fast 21 läßt man nicht nicht mehr für dumm verkaufen.
Vor der Tür der Praxis setze ich sie ab und fahre ins Parkhaus. Das fiese Parkhaus unter den Galeries Lafayette mit dem endlosen Gang nach unten. Und noch schlimmer, mit der endlosen Wendelspirale nach oben. Ich nehme Maß bei zwei Parkplätzen und schaffe es nicht, den Wagen dort hineinzubugsieren. Um mich herum stehen teure Mercedes, Porsche und BMW. Ein nonchalanter Kratzer würde ein Vermögen kosten. Ich finde einen problemlosen Platz an einer Mauer. Stelle mich mit einem Meter Abstand hin, denn Entfernungen kann ich in dem Halbdämmer nicht mehr einschätzen.

Kaum sitze ich im Wartezimmer des Zahnarztes – das Kind bekommt inzwischen nach drei Betäubungsspritzen den Kiefer aufgebohrt – unterbricht wieder Kunde B. meine panischen Überlegungen, ob ich jemals mit meinem pflegebedürftigen Kind aus dem Parkhaus rauskomme. Er hat noch eine kleine Nachfrage. Ich antworte kompetent, meine Stimme habe ich allerdings nicht mehr im Griff. Was ist los mit dir, vorhin klangst du doch noch so fröhlich? ich wiegele ab. Nee, alles ok. Er hakt nach: Wirklich?

Ich warte darauf, mein Kind nach einer Zahn-OP in Empfang zu nehmen, hab so eine schlimme, im Grunde aber lächerliche Pollenallergie, daß ich breit von Medikamenten bin. Meine Stimme klingt deshalb nur so, als hätte ich zwei Stunden durchgeheult, das hat nichts zu sagen. Allerdings habe ich das Problem, daß ich mein Auto in einem Parkhaus versenkt habe, aus dem ich es nie im Leben wieder rauskriege und die Stunde Parken kostet dort 6 Euro. Dagegen ist das Taxi nach Hause ein Witz. Außerdem habe ich, immer wenn ich am Telefon bin, noch zusätzlich zwei weitere Nachrichten auf der Mailbox und zwar von Leuten, die mich unbedingt persönlich sprechen wollen und zwar sofort und denen ich für den reibungslosen Gang meiner Geschäfte Auskunft schuldig bin. Ich bin glücklich verliebt, es ist Montag nach einem wunderschönen, erholsamen Wochenende UND ICH KANN NICHT MEHR!!!

Das habe ich ihm nicht gesagt. Ich habe HeMan angerufen. Ihm gesagt, daß ich seine Hilfe brauche. Dringend. Was für eine Überwindung für Superwoman. Und es war kein Problem. Er kam. Hat das Auto an weniger teurer Stelle geparkt und mich und das (sehr erleichterte) Kind nach Hause gefahren. Paß bloß auf deine Mutter auf! Hat er ihr noch zum Abschied gesagt.

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